Lesespaß


Die Weihnachtsgeschichte 2016

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Liebe Leser,

an dieser Stelle fanden Sie sonst alle meine Weihnachtsgeschichten der letzten Jahre. Immer mehr Leser wünschten sich jedoch, die Geschichten in einem Buch zuhause ins Regal stellen zu können. Aus diesem Grund musste ich die Geschichten leider von meiner Seite nehmen. So wird in jedem Jahr nur noch die aktuelle Weihnachtsgeschichte hier zu lesen sein. Doch werden Sie schon bald ein neues Buch von mir im Handel finden, in dem alle meine Weihnachtsgeschichten und -gedichte stehen werden. Viel Vergnügen beim Lesen, ich bitte jedoch, das Copyright zu beachten.


Der Weihnachtskasper


Copyright by Claus Beese

Weihnachtszeit, für jeden beginnt sie zu einem anderen Zeitpunkt. Jeder lässt sich durch etwas anderes in diese ganz besondere Stimmung versetzen, die vor dem Fest um sich greift und fast jeden ansteckt. Wann beginnt für Sie Weihnachten?



Ich denke gerne zurück an meine Kindheit zu Beginn der 1960er Jahre, als ich im Bremer Neustadtsbahnhof lebte. Meine Eltern führten damals dort die Bahnhofsgaststätte und irgendwann im Dezember wurde es hektisch. Im Saal wurden die Tische zu einer langen Tafel zusammen geschoben, eine große Tanne erstrahlte geschmückt im Lichterglanz, während draußen die ersten Schneeflocken des Jahres ein weißes Weihnachtsfest ankündigten. An der Stirnseite des Raumes wurde ein Gerüst aufgebaut, das alsbald mit dunklen Tüchern verdeckt wurde. Fremde Männer trugen Lampen und Kabel in diese geheimnisvolle Höhle, Koffer und Kisten verschwanden ebenfalls in der schwarzen Finsternis. Wir Kinder hatten strengstes Verbot, dem Bauwerk auch nur nahe zu kommen.

Doch genau mit diesen merkwürdigen Vorbereitungen begann für uns die Weihnachtszeit. Der Landesverband des Verbands Deutscher Kriegsversehrter VDK lud zu seiner Weihnachtsfeier mit Kaffee und Kuchen und einem „echten“ Weihnachtsmann, der die Kinder beschenkte und aus einem großen roten Buch vorlas, ob diese denn auch artig gewesen waren. Doch bevor es dazu kam, erbebte der Saal unter Blitz und Donner, der Vorhang an dem schwarzverhängten Gerüst hob sich und auf einer Bühne hatte Kasperle seinen Auftritt. Mit dem König trieb er allerlei lustigen Schabernack. Der furchtbare Teufel, der jedes Mal mit Donnergetöse, Blitzen und stinkendem Rauch auf der Bühne erschien, musste erleben, dass Kasper so gar keine Angst vor ihm hatte und ihn am Schluss unter dem Jubel der anwesenden Kinder zurück in die Hölle jagte.

Auch wir Bahnhofskinder wurden beschenkt, waren wir doch das ganze Jahr über, nun, sagen wir mal fast beinahe überwiegend ziemlich artig gewesen. Übel erging es allerdings dem Ersten Vorsitzenden des Vereins, der ebenfalls vor die strengen Augen des Weihnachtsmannes zitiert wurde, um ein Gedicht aufzusagen. Der Ärmste war sehr nervös, druckste herum und gestand schließlich, gar kein Gedicht zu können. Aber irgendeines musste er doch kennen, meinte der Weißbärtige vor ihm tadelnd, und siehe da, eines fiel ihm tatsächlich ein.
„Ich bin klein, mein Herz ist rein, meine Stiefel sind schmutzig – ist das nicht putzig?“
Ja, putzig war das, aber dem Weihnachtsmann gefiel es überhaupt nicht. Er griff zu seiner Rute und versetzte dem Vorsitzenden einige Hiebe auf den Achtersteven. Der Lacherfolg war fast ebenso groß, wie zuvor beim Kasperletheater.

Irgendwann war der Saal wieder leer und es zog mich magisch unter die schwarzen Tücher zwischen die Gerüststangen der Puppenbühne. An Haken hingen die Puppen an ihren Fäden, man konnte sie in der Dunkelheit kaum erkennen. Da flammte plötzlich ein Licht auf, das genau auf den Teufel leuchtete. Es war, als springe er aus der Dunkelheit auf mich zu, und das bekannte Donnergrollen ertönte in einer ohrenbetäubenden Lautstärke. Es war der Moment, in dem mein Herz stehen blieb und ich, schnell wie der Wind aus der Bühne heraus jagte, dass die dunklen Tücher im Luftzug wehten.
Bis nach Neujahr war meine Flucht vor dem Teufel launiges Gesprächsthema bei den Gästen unserer Wirtschaft, und meine Eltern beschworen, dass ich den Saal nicht eher wieder betreten habe, bis das Theater komplett abgebaut und abtransportiert war. Und alles nur, weil der Techniker der Puppenspieler zurück kam um etwas zu holen, das er vergessen hatte.

Weihnachten, noch heute rieche ich den Duft der Kaffeetafel, der vielen Kuchen und Süßigkeiten, noch immer zieht mir der Schwefelduft durch die Nase, wenn ich an das Puppentheater denke. Und obwohl ich nun selber fast im Großvateralter bin, weiß ich noch immer, dass es pünktlich vor den Festtagen anfing zu schneien, höre die Schellen am Schlitten des Weihnachtsmannes über mir in der schneeflirrenden Dunkelheit und höre sein
„Hohoho! Fröhliche Weihnachten euch allen!“