Bei Windstärken um fünf Beaufort (bis 38 km/h Windgeschwindigkeit) und bewegter See mit Wellenhöhen
um einen Meter hat die Familie aus Solingen ihren Urlaubstörn - an diesem Wochenende von den Niederlanden aus
kommend - nun nach Borkum geplant. Nichts ungewöhnliches, auch nicht die vorgesehene Nachtfahrt - Westliche
Winde, die See ist nicht zu aufgewühlt. "Und dann krachte es auf einmal," erinnert sich der Skipper. Auf der
Hubertplate, in Höhe der Ballonplate im Hubertgat, einem Fahrwasser etwa vier Seemeilen westlich der Einfahrt
zum Borkumer Hafen, hat die Segelyacht Grundberührung. Die Wellen türmen sich hier auf bis zu 2,5 Meter Höhe
und brechen. Die Yacht wird immer mehr auf die Sandbank gezogen, und das Schiff ist manövrierunfähig; es ist
unmöglich das Großsegel zu bergen. Der Skipper erkennt die Ausweglosigkeit der Situation sofort und reagiert
professionell.
Ohne Panik löst er per "Digital Selective Call", einem automatischen Alarmierungssystem, den Notruf aus.
Anschließend bestätigt er über den internationalen Notrufkanal 16 mündlich: "Hier ist die Segelyacht
'Marelina'. Grundberührung, vier Personen an Bord, brauchen dringend Hilfe!" Währenddessen schlägt der Kiel
der Yacht, die durch die Brandung immer wieder angehoben wird, wiederholt auf den hier betonharten Sand.
Auf dem Seenotkreuzer ALFRIED KRUPP haben die vier Männer gerade "die Glotze" ausgemacht. "War sowieso mal
wieder nix drin...". Kaum sind sie in ihren Kammern verschwunden, läuft der Notruf auf. Vormann Rolf Schäfer
schaut auf das Anzeigegerät, schreibt schon mit, lässt sich jetzt über UKW die Position und die Anzahl der
Menschen an Bord bestätigen. Sofort wird der Notruf beantwortet: "Wir kommen!"
Maschinist Vilo Kosic hat die drei Maschinen "im Keller" schon angeworfen. Der 27,5 Meter lange Seenotkreuzer
nimmt Fahrt auf, schiebt sich um die Hafenausfahrt. Hebel auf den Tisch! Voll voraus! Über 3000 PS bringen
die ALFRIED KRUPP schnell auf Höchstgeschwindigkeit. Gut 30 Minuten später treffen die Retter am Unfallort
ein, südlich der "Ballonplate", einem Flach vier Seemeilen westlich von Borkum, der sogenannten Hubertplate.
Heckklappe auf, das Tochterboot GLÜCKAUF gleitet in die See. Währenddessen meldet der Havarist über Funk:
"Das Kielschwert bricht - der Rumpf reißt auf. Schwerer Wassereinbruch!" (Anm.: Das Kielschwert wiegt mehr
als drei Tonnen...) Auf kabbeliger See, am Rand der Sandbank, liegt hier die Yacht "Marelina", schlägt hin
und her. Zwei Erwachsene und zwei Kinder harren im Cockpit aus. Mutter und Tochter der Familie leuchten mit
hellen Scheinwerfern das immer noch gesetzte Großsegel der Yacht an, damit sie besser gesehen wird. Trotz der
flachen Stelle gelingt es dem Tochterboot, an der Yacht längsseits zu gehen. Im ersten Anlauf können die
Kinder vom Laufdeck (über die Reling) auf das Tochterboot abgeborgen werden.lm gleichen Zug wird der Hund der
Familie an die GLÜCKAUF übergeben. Trotz der unruhigen See und brechenden Wellen halten die Retter das
kleine, wendige Tochterboot auf Position, das ebenfalls mehrfach Grundberührung hat. Bei einem weiteren
Anlauf folgt die Mutter, die während des übergangs noch kurzzeitig das Bewusstsein verliert, aber
glÜcklicherweise schnell wieder zu sich kommt.. Als letzter steigt der Vater über. Kräftige Hände halten
ihn: "...man gleich runter, unter Deck!" Holger Speck und Uwe Gertelmann kümmern sich im Innern des
Tochterboots um die Geretteten, als plötzlich ein heftiger Knall alle aufschreckt.
Der 13 Meter lange Mast der Segelyacht ist gebrochen und mit voller Wucht auf das Tochterboot gestürzt. Gott
sei Dank - niemand ist verletzt. Den Schaden kann man reparieren, aber zunächst müssen die Aufbauten des
Tochterbootes von der Großschot der Yacht befreit werden, ...Die Rückfahrt mit der geretteten Familie zum
Seenotkreuzer wird nicht ohne weitere Hindernisse angetreten. Aus der sinkenden und manövrierunfähig
treibenden Segelyacht haben sich Ausrüstungsstücke, weitere Leinen und Teile der Einrichtung gelöst, sind
aufgeschwommen, haben sich um das Wrack verteilt. Als die GLÜCKAUF gerade Fahrt aufnimmt, stutzen die Retter.
Für einen kleinen Moment wird aufgestoppt. "Da war doch was... ?" Irgendwie kommt das flinke, wendige Boot
nicht auf Touren. In der Tat: Eine Leine hat sich um den Propeller gewickelt! Wenn das man gut geht ?! Und es
geht gut...
Später heißt es im Einsatzbericht: "Tochterboot kann die Fahrt alleine fortsetzen, wird aufgenommen.
RÜckmarsch zur Station Borkum. Festmachen am Liegeplatz um 0.55 Uhr." Die Schiffbrüchigen werden im
Inselhafen von freiwilligen Helfern der DGzRS erwartet. Diese haben zwischenzeitlich eine Unterkunft
organisiert. Im Auto geht es in die nahegelegene Jugendherberge, wo die Familie versorgt und untergebracht
wird. Geschlafen haben in dieser Nacht nur die Kinder - und der Hund. "Wir sind nicht zur Ruhe gekommen,"
erinnert sich der Skipper. Und: "Das Boot ist nun weg, aber wir haben überlebt. Das haben wir der Besatzung
des Seenotkreuzers zu verdanken."