DGzRS - die Seenotretter

zurück

zurück

Seglerfamilie um Mitternacht aus der Nordsee gerettet

Kielschwert gebrochen - Riss im Rumpf: Wassereinbruch!
16 Schreibmaschinenzeilen umfasst der Bericht, den der zweite Vormann des Seenotkreuzers ALFRIED KRUPP am Vormittag des 21. August gerade verfasst hat. Hinter ihm und seiner Besatzung liegt ein Einsatz in der Nordsee, der kurz nach Mitternacht abgeschlossen wurde. Hinter den kurzen Zeilen des Vormanns steht die Geschichte von vier Menschen, die den Seenotrettern ihr Leben zu verdanken haben. "Als wir den Mann gerade gepackt und in Sicherheit gebracht hatten, knallte uns der Mast der Yacht auf das Tochterboot", erinnern sich Holger Speck und Uwe Gertelmann, die das Tochterboot gefahren haben. Dabei werden Funkantennen, Positionslampen, das Radargerät und das kleine Schutzdach überm Fahrstand zerstört. Im gleichen Moment schlägt die gut elf Meter lange Segelyacht auf die Seite, läuft voll Wasser, treibt davon. Retter und Gerettete haben jetzt nur einen Gedanken: "Bloß weg! Das ist ja noch mal gut gegangen!"

Bei Windstärken um fünf Beaufort (bis 38 km/h Windgeschwindigkeit) und bewegter See mit Wellenhöhen um einen Meter hat die Familie aus Solingen ihren Urlaubstörn - an diesem Wochenende von den Niederlanden aus kommend - nun nach Borkum geplant. Nichts ungewöhnliches, auch nicht die vorgesehene Nachtfahrt - Westliche Winde, die See ist nicht zu aufgewühlt. "Und dann krachte es auf einmal," erinnert sich der Skipper. Auf der Hubertplate, in Höhe der Ballonplate im Hubertgat, einem Fahrwasser etwa vier Seemeilen westlich der Einfahrt zum Borkumer Hafen, hat die Segelyacht Grundberührung. Die Wellen türmen sich hier auf bis zu 2,5 Meter Höhe und brechen. Die Yacht wird immer mehr auf die Sandbank gezogen, und das Schiff ist manövrierunfähig; es ist unmöglich das Großsegel zu bergen. Der Skipper erkennt die Ausweglosigkeit der Situation sofort und reagiert professionell.
Ohne Panik löst er per "Digital Selective Call", einem automatischen Alarmierungssystem, den Notruf aus. Anschließend bestätigt er über den internationalen Notrufkanal 16 mündlich: "Hier ist die Segelyacht 'Marelina'. Grundberührung, vier Personen an Bord, brauchen dringend Hilfe!" Währenddessen schlägt der Kiel der Yacht, die durch die Brandung immer wieder angehoben wird, wiederholt auf den hier betonharten Sand.
Auf dem Seenotkreuzer ALFRIED KRUPP haben die vier Männer gerade "die Glotze" ausgemacht. "War sowieso mal wieder nix drin...". Kaum sind sie in ihren Kammern verschwunden, läuft der Notruf auf. Vormann Rolf Schäfer schaut auf das Anzeigegerät, schreibt schon mit, lässt sich jetzt über UKW die Position und die Anzahl der Menschen an Bord bestätigen. Sofort wird der Notruf beantwortet: "Wir kommen!"
Maschinist Vilo Kosic hat die drei Maschinen "im Keller" schon angeworfen. Der 27,5 Meter lange Seenotkreuzer nimmt Fahrt auf, schiebt sich um die Hafenausfahrt. Hebel auf den Tisch! Voll voraus! Über 3000 PS bringen die ALFRIED KRUPP schnell auf Höchstgeschwindigkeit. Gut 30 Minuten später treffen die Retter am Unfallort ein, südlich der "Ballonplate", einem Flach vier Seemeilen westlich von Borkum, der sogenannten Hubertplate. Heckklappe auf, das Tochterboot GLÜCKAUF gleitet in die See. Währenddessen meldet der Havarist über Funk: "Das Kielschwert bricht - der Rumpf reißt auf. Schwerer Wassereinbruch!" (Anm.: Das Kielschwert wiegt mehr als drei Tonnen...) Auf kabbeliger See, am Rand der Sandbank, liegt hier die Yacht "Marelina", schlägt hin und her. Zwei Erwachsene und zwei Kinder harren im Cockpit aus. Mutter und Tochter der Familie leuchten mit hellen Scheinwerfern das immer noch gesetzte Großsegel der Yacht an, damit sie besser gesehen wird. Trotz der flachen Stelle gelingt es dem Tochterboot, an der Yacht längsseits zu gehen. Im ersten Anlauf können die Kinder vom Laufdeck (über die Reling) auf das Tochterboot abgeborgen werden.lm gleichen Zug wird der Hund der Familie an die GLÜCKAUF übergeben. Trotz der unruhigen See und brechenden Wellen halten die Retter das kleine, wendige Tochterboot auf Position, das ebenfalls mehrfach Grundberührung hat. Bei einem weiteren Anlauf folgt die Mutter, die während des übergangs noch kurzzeitig das Bewusstsein verliert, aber glÜcklicherweise schnell wieder zu sich kommt.. Als letzter steigt der Vater über. Kräftige Hände halten ihn: "...man gleich runter, unter Deck!" Holger Speck und Uwe Gertelmann kümmern sich im Innern des Tochterboots um die Geretteten, als plötzlich ein heftiger Knall alle aufschreckt.
Der 13 Meter lange Mast der Segelyacht ist gebrochen und mit voller Wucht auf das Tochterboot gestürzt. Gott sei Dank - niemand ist verletzt. Den Schaden kann man reparieren, aber zunächst müssen die Aufbauten des Tochterbootes von der Großschot der Yacht befreit werden, ...Die Rückfahrt mit der geretteten Familie zum Seenotkreuzer wird nicht ohne weitere Hindernisse angetreten. Aus der sinkenden und manövrierunfähig treibenden Segelyacht haben sich Ausrüstungsstücke, weitere Leinen und Teile der Einrichtung gelöst, sind aufgeschwommen, haben sich um das Wrack verteilt. Als die GLÜCKAUF gerade Fahrt aufnimmt, stutzen die Retter. Für einen kleinen Moment wird aufgestoppt. "Da war doch was... ?" Irgendwie kommt das flinke, wendige Boot nicht auf Touren. In der Tat: Eine Leine hat sich um den Propeller gewickelt! Wenn das man gut geht ?! Und es geht gut...
Später heißt es im Einsatzbericht: "Tochterboot kann die Fahrt alleine fortsetzen, wird aufgenommen. RÜckmarsch zur Station Borkum. Festmachen am Liegeplatz um 0.55 Uhr." Die Schiffbrüchigen werden im Inselhafen von freiwilligen Helfern der DGzRS erwartet. Diese haben zwischenzeitlich eine Unterkunft organisiert. Im Auto geht es in die nahegelegene Jugendherberge, wo die Familie versorgt und untergebracht wird. Geschlafen haben in dieser Nacht nur die Kinder - und der Hund. "Wir sind nicht zur Ruhe gekommen," erinnert sich der Skipper. Und: "Das Boot ist nun weg, aber wir haben überlebt. Das haben wir der Besatzung des Seenotkreuzers zu verdanken."